Reisen

Frankreich

Französische Alpen

Hautes Alpes

Lac de Serre-Poncon - Embrun - Briancon

September 2001- eine Woche mit dem Rad in den Seealpen

Tour 1 - Tour 2 - Tour 3 - Tour 4

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Ich war kurz in Embrun. Es hat ein kleines altes Zentrum auf einer Felsterrasse. Eine Promenade führt oberhalb der senkrechten Felswand entlang und bietet einen schönen Ausblick. Mehrere Orientierungstafeln erklären die Berge, Täler und Ortschaften der südöstlichen Talseite.
Jetzt bin ich ein paar Meter höher, auf dem Weg in die Berge des Parc National des Ecrins. Ich dachte mir, von den Ansiedlungen, oberhalb Embruns, hätte ich eine noch bessere Aussicht. Habe ich auch, nur noch weiter oben ist sie sicherlich noch besser. Bis hierher mußte ich aber schon überwiegend in dem ersten oder zweiten Gang kurbeln. Was mein Gepäck angeht? Nun ja, mit Klamotten bin ich ganz gut bestückt und eine volle Trinkflasche habe ich auch dabei. Am Auto dachte ich noch ‚Pack dir wenigsten ein paar Riegel ein’. Da das Auto aber schon abgeschlossen und der Schlüssel bereits weggepackt war, hab ich’s gelassen. Manchmal bin ich so stur, da hör ich nicht mal auf mich selber.
Das Wetter könnte durchaus besser sein. Es nieselt und regnet ab und zu. Dafür kann ich einen Hitzekollaps weitestgehend ausschließen. Die Wolkendecke war vorhin so tief und dicht, daß es aussah, als hätte man eine Zwischendecke eingezogen und mit Polysterolplatten verkleidet. In Richtung Guillestre endet das Tal beizeiten in einer Wolken- und Nebelwand. Dagegen lugt überm See die Sonne durch, wenn auch nur ganz gering. Ich versuche ein Selbstportrait, indem ich den Apparat in eine Astgabel klemme und ihn mit kurzen Stöckchen in der richtigen Lage fixiere.
Ich fahre weiter, solange ich kann. Sollte das nicht mehr der Fall sein, brauch ich das Rad ja nur umdrehen und kann dann praktisch bis vor das Zelt rollen, ohne zu treten. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit. Was anderes wäre es, wenn auf einer Runde mehrere Pässe und Täler liegen. In dem Fall ist eine bessere Planung und körperliche Einschätzung unbedingt notwendig.
Ich treffe auf einem Waldparkplatz ein, der auch das Ende der Asphaltstraße markiert. 15,73 km habe ich hinter mir, nur bergauf. Die Höhe wird mit 1587 m angegeben, Embrun liegt auf etwa 800 m. Einige Hinweistafeln erklären die Berge und Wanderwege. Ich versuche mir einen Überblick zu verschaffen, da sich der Weg gabelt. Von einem Herrn Eric Widmann ist auf einer der Tafeln die Rede. Genau übersetzen kann ich es nicht, aber er hat sich wohl um die Gegend und das Bergwandern verdient gemacht. Die Wolkendecke reißt auf und die Sonne lugt durch. Ich genieße jeden Strahl, denn in den Bergen kann das Wetter erfahrungsgemäß innerhalb von fünf Minuten umschlagen.
Ganz sicher bin ich mir nicht, entscheide mich aber für den rechten Weg.
( gemeint ist die Richtung, nicht die Richtigkeit – der Autor )
Wenn ich zu lange stehen bleibe, wird mir kalt, also fahre ich weiter.
Besonders lange konnte ich nicht fahren. Nach den anfänglich breiten Schotterwegen, entschied ich mich für den Weg des Eric Widmanns. Dieser wurde recht schnell schmal und zwang mich zum schieben. Okay, meine Leistung war auch nicht mehr ausreichend. Der Pfad wurde zunehmend steiniger. Dafür hält sich das Wetter, es bleibt trocken. Der Blick durch den luftigen Lärchenwald in das Tal ist klar. Über den Paß hinter mir ziehen allerdings dunkle Wolken auf.
Chapelle des Seyeres – Eine kleine Kapelle in 2056 m Höhe. Ab hier beginnt ungefähr die Baumgrenze. Eine Menge Tische und Bänke sind auf der gesamten Fläche verteilt. Es gibt gemauerte Grillmöglichkeiten und was mich besonders erstaunt, auch gesägtes und teilweise gehacktes Holz. Da macht es bestimmt Spaß, von dem Parkplatz aus hier hoch zu wandern und zu picknicken. Ein Gebirgsbach stürzt sich zu Tal.
Der Schutz der Bäume fehlt, was sich im stärkeren Wind bemerkbar macht. Wolkenschwaden wabbern über den Berg und an den Hängen entlang.
Der Radcomputer gibt 20,66 km an. Der Weg bestand nur noch aus grobem Geröll, was mich dazu zwang, das Rad zu tragen. Das macht aber wenig Sinn, deshalb werden wir uns hier trennen. Ich hab es nun schon so weit geschafft, jetzt will ich auch auf den Gipfel. Natürlich ist es ein gewisses Risiko, ein Mountainbike einfach in der Natur stehen zu lassen, aber anderseits habe ich seit Stunden keine Menschenseele mehr gesehen. Ich lehne das Rad neben einen großen Felsblock in eine Nische, damit man es nicht schon von weitem sieht. Ich hinterlasse noch einen zweisprachigen Zettel, auf dem ich vermerke, daß ich gleich wieder da bin. Gleich ist relativ. Ein paar Raubvögel kreisen über mir.

Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres
Ja! Ja! Ja! Ich bin oben. Ich hab es vollbracht. 2552 m steht an der kleinen Schutzhütte. Der Weg auf den letzten Höhenmetern bestand nur noch aus einem schmalen Pfad über Geröllhänge. Ab und zu mußte ich auch ein paar Altschneefelder mit Vorsicht überwinden. Da ich keine Spuren entdeckte, nahm ich an, das ich seit einiger Zeit der einzigste Besucher bin. Ich schaue mich hier oben etwas um. Vom Nationalpark sehe ich gar nichts, die Wolken hängen nach wie vor hinter mir fest. Dafür habe ich aber einen schönen Blick in das Durance–Tal vor mir. Die Hütte ist auch hier wie eine Kapelle gestaltet. In einem Mauerbogen über der Eingangstür ist eine Glocke angebracht, an der ich vor lauter Freude gerne mal ziehen würde. Da ich aber die Bergwacht nicht unnötig auf mich aufmerksam machen möchte, lasse ich es lieber bleiben. In dem kleinen dunklen Raum ist der Mauersockel links und rechts so breit, das man ihn als Bank nutzen kann. An der Rückwand befindet sich ein schmaler Tisch mit einem Holzkreuz darauf und ein paar Kulis, die in diversen Löchern stecken. In einer schmalen Ablage aus Holz finde ich das Gipfelbuch. Ich nehme es heraus, setze mich draußen neben der Tür auf einen Stein und blättere darin. Es ist das vierte Buch und beginnt im Frühjahr 2001. Der letzte Eintrag ist von gestern. Ich gehe wohl recht in der Annahme, das es noch einen weiteren Aufstieg von der westlichen Seite gibt. Die Zeit drängt zu sehr, als das ich mir die Einträge im Einzelnen anschauen könnte. Was ich beim Überfliegen vermisse, sind Einträge in deutscher Sprache. Der überwiegende Teil ist natürlich französisch verfasst, ein kleinerer in englisch. Und noch eins sticht mir ins Auge, keiner war so spät hier oben wie ich. Der Schnitt liegt bei etwa vierzehn, fünfzehn Uhr. Das mahnt mich natürlich zum Abstieg. Ich habe ebenfalls mein Verschen und Grüße in die Heimat eingetragen und bereite mich auf den Rückweg vor. Der Wind weht eiskalt. Ohne die Funktionsklamotten wäre es kaum auszuhalten. Leider bedecken die mein Gesicht, insbesondere Nase und Ohren nicht. Ich bin wieder am Rad eingetroffen, was gleichzeitig heißt, das es noch da ist. Mir geht es soweit gut. Aufgrund der halblangen Radhandschuhe sind die Finger etwas kalt und steif geworden, was sich beim Schreiben bemerkbar macht. Es beginnt langsam dunkler zu werden, die gegenüberliegenden Berge werden von der untergehenden Sonne golden angestrahlt. Ein entferntes Vogelkrächzen und das Plätschern eines Baches sind die einzigsten Geräusche, sonst herrscht Stille. Ich bin wieder an der Chapelle des Seyeres (21,37 km). Ab hier kann ich wieder fahren. Parkplatz an der Asphaltstraße - der obere Teil war noch recht anspruchsvoll, da der Weg schmal und verhältnismäßig steil ist. Auf dem unteren Teil, mit seinen breiten Schotterwegen, kam ich um einiges flotter voran. Und doch war es mir nicht so lang in Erinnerung gewesen, trotz Geschwindigkeiten bis zu vierzig km/h. Hier, am Beginn der Asphaltstraße, habe ich schon wieder das Gefühl, unten zu sein. Dabei bin ich immer noch auf etwa sechzehnhundert Metern. Ankunft auf dem Zeltplatz. Ich lasse mich zuerst ins Auto fallen, alles andere hat Zeit. Ich gehe in Gedanken die Tour noch einmal durch und freue mich, es geschafft zu haben. Auf der Abfahrt habe ich noch mal alle meine Kräfte mobilisiert. Die Finger sind am meisten belastet, da diese permanent am Bremshebel ziehen müssen. Der Berg hätte zeitlich, wie körperlich keine hundert Meter höher sein dürfen.
(39,89 km gefahren oder geschoben, 11,17 km/h ø, 3:34:16 h, 58,4 km/h max)
Auf den letzten Serpentinenkurven war es schon richtig dunkel. Ein einzigstes Mal habe ich angehalten, um die Lichter von Embrun zu genießen. So spät darf es aber auf keinen Fall wieder werden. Im Tal sind es nur noch 13ºC. Die eigentlich für morgen geplante Tunneltour wird wegen der aktuellen Ereignisse bis auf weiteres verschoben. Nach 1200 km Autofahrt gestern und 1750 Höhenmetern heute, brauche ich einen Ausruhtag.

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‚Mein Berg’ ist wolkenfrei, hoffentlich auch solange, bis ich ihn fotografiert habe. Überhaupt zeigt sich das Wetter heute von seiner besseren Seite. Die Sonne wärmt mich. Da ein Hauch feiner Wolkenstreifen aufzieht, halte ich es für angebracht, wenn ich mich mal auf die Socken, bzw. das Rad mache und die nähere Umgebung erkunde. Die Michelinkarte hilft bei der ersten Orientierung. Über Baratier zum See zu fahren, könnte mir gefallen. Ich starte meine kleine Fotorunde. Heute habe ich die paar Riegel dabei, die ich gestern gebraucht hätte. Ab jetzt werden immer welche im Rucksack bleiben, auch wenn ich nur für eine halbe Stunde in den Ort laufe. 19ºC. Baratier – ich ziehe das langärmlige Oberteil wieder aus. Es wird richtig warm. Ich traf gerade auf die Straße nach les Orres, aber dahin will ich auf keinen Fall. Eine kleine und einfache Runde zu fahren ist mir anscheinend nicht möglich. Ich habe wieder ein paar Höhenmeter hinter mir und bin jetzt an einem Picknickplatz angelangt (Source Jean Blanc, 1230 m). Ich werde eine kleine Pause einlegen. Es ist immer noch warm und sonnig. Die wenigen Wolken hängen hinterm Mont Guillaume, im Parc National des Ecrins fest. Das darf, bitteschön auch so bleiben. Ab Baratier ging es zunächst in einem ausgewaschenen gerölligen Weg aufwärts und später auf einem Schotterweg weiter. Ich habe mich auf einer der Bänke niedergelassen und genieße das Wetter, sowie den Blick auf Embrun, den Parc und das Tal der Durance in Richtung Briancon. Vom schönen blauen Lac de Serre-Poncon sehe ich nicht viel. Die Bäume versperren mir die Sicht. Die Wege, deren Ausschilderung und die Verweilmöglichkeiten sind im sehr guten Zustand. So lockt man Touristen. So macht Radfahren Spaß. Natürlich kann ich, mangels Sprachenkenntnis, nicht jedes Schild lesen. Mit Hilfe der Karte, in die auch breitere Wege eingezeichnet sind, finde ich mich ganz gut zurecht. Es ist ja doch eine ganze Stunde geworden. Jetzt fahre ich aber weiter. Ich habe vorhin eine Selbstaufnahme versucht und bin gespannt, wie das auf dem Bild aussieht und ob ich überhaupt mit im Bild bin. Ich mußte dazu in einem Bogen vom Fotoapparat, um einen Busch herum und durch einen Graben hindurch auf den Weg fahren. Den Graben habe ich mir vorher genau angesehen – dachte ich. Als es dann darauf ankam, plumpste das Vorderrad paßgenau hinein und ließ sich nur mit einem kräftigen Ruck wieder hinausliften. Viel hätte nicht gefehlt, um waagerecht im unteren Bildausschnitt zu landen. Le Clot des Imberts – Hier, in 1520 m Höhe, ist schon wieder ein schöner Picknickplatz. Vorhin bin ich an einem Abzweig nach Melezet vorbei gefahren. Ich habe mich rechts gehalten und fahre jetzt in Richtung Crots. Der Ort liegt unten am Lac de Serre-Poncon. Mehr ist leider nicht angegeben. Der Lärchenwald ist zu hoch, um mich so zu orientieren. Ich habe in den wenigen Tagen hier in Frankreich noch keinen Mountainbiker gesehen. Ist das nicht schön!? Vorhin kam mir lediglich ein älteres wanderndes Pärchen entgegen. Und nun geht es weiter – vermutlich bergab. Bei zwei dicht aufeinanderfolgenden Abzweigen, wählte ich jedesmal den ansteigenden Weg. Runter geht es allemal. Die hohen Bäume spendieren einen angenehmen Schatten. Ich gelange an eine Kreuzung auf einem Hochplateau. 1660 m. Vor meiner Nase spannt sich eine Gipfelkette in einem weiten Bogen bis zu meiner Rechten. Drei Wege führen von hier weiter. Der rechte Abzweig führt vermutlich direkt in das Tal. Die gerade Richtung ist ebenfalls beschildert, sagt mir aber nichts. Die angegebenen Ziele kann ich in meiner Karte nicht finden. Ich entscheide mich für links, denn dieser Weg steigt sachte an und könnte sich eventuell noch einmal teilen. Ich bin am Ziel angekommen; dem Ziel, von dem ich bis eben noch nicht einmal wußte, daß ich es hatte. Vorhin habe ich etwas geschoben, nicht weil es nicht fahrbar gewesen wäre, sondern weil meine Beine schwer wurden. Und festfahren wollte ich sie auf keinen Fall. Der überwiegende Teil des Weges führte weiterhin auf Schotterwegen und im Wald entlang. Drei friedliche Kühe lagen am Wegrand und hoben nur kurz die Köpfe, als ich vorbeifuhr. Der Platz auf dem ich mich jetzt befinde, heißt Clot Besson und ist 1930 m hoch. Auch hier stehen wieder Tische und Bänke. An einem Wassertrog mit einem klaren Rinnsal, fülle ich die Trinkflasche auf. Unabhängig von der Tageszeit genieße ich das Mittagessen. Es gibt eine Banane und ein, zwei Riegel. Mehr Hunger habe ich nicht. Einige Linienflugzeuge ziehen weiße Striche auf dem stahlblauen Himmel. Wenn ich meine Position auf der Karte richtig deute, befinde ich mich auf 2/3 Höhe in den Bergen des Créte du Lauzet. (Créte = Kamm) Den gleichen Weg möchte ich nicht zurückfahren, das wäre ja auch zu einfach. Mein nächstes Ziel auf dem Abstieg soll Grande Cabane sein. Ab da führt eine Straße bis ins Tal. Es gibt zwei Möglichkeiten dahin zu kommen – par vallon clapier (durchs kleine Kaninchenlochtal) oder par la pérouyére (?). Der von mir gewählte Weg endete nach 500 m auf einem kleinen Platz. Von dort ging lediglich ein schmaler Trampelpfad weiter. Das wollte ich mir aber nicht antun, zumal auch die Beschilderung dort endete. Auf halber Strecke zweigte noch ein Weg nach links über die Bergkette ab. Dort, wo sich der Paß befinden müßte, habe ich vorhin ein Kreuz stehen sehen. Nun werde ich die zweite Variante probieren. Der Weg sieht schmal und steinig aus und er schien mir vorhin die schlechtere Wahl zu sein. Nun ist es wohl hoffentlich die bessere. Lac et Chapelle de Lauzerot ist zusätzlich ausgeschildert. (See und Kapelle) Der Weg ist schlecht. Rinnsale vom Berg haben ihn teilweise weggewaschen. Markiert ist er nur noch mit weißen Streifen an den Bäumen, teilweise in so großem Abstand, daß man nicht von einem zum nächsten sehen kann. Seit einer größeren Freifläche kann ich auch den Weg als solchen nicht mehr erkennen. Ich stolpere und fahre immer nur auf den nächsten weißen Strich zu, wenn denn einer zu sehen ist.Eben war wieder einer zu sehen. Als ich den kleinen Hügel erreichte, stockte mir fast der Atem. Vor mir tat sich ein Abgrund auf, viele Meter tief. Es sieht aus, als wäre hier vor einiger Zeit eine Geröllawine abgegangen. Ich trete ein paar Meter zurück und genieße den Ausblick. Störende Bäume stehen ja nicht mehr. In der Ferne sieht man den Parc National des Ecrins und eine Ecke vom Lac de Serre-Poncon. Ich schiebe weiter, ohne richtig zu wissen wohin. Ich befinde mich ja nun im hintersten Teil des Tales. Neben und hinter mir sind nur Bergspitzen und Pässe. Bis auf den Übergang ins Ubaye-Tal hinter mir, kann es eigentlich nur noch bergab gehen, ich müßte nur endlich den Weg finden. Es ist aber auch niemand zu sehen, den man fragen könnte.Ich bin schon wieder auf einer Freifläche und habe immer noch keine Ahnung, wo lang es weiter gehen soll. Ich bin nun wirklich im hintersten Teil des Talkessels, fast mit dem Rücken an der Felswand. Es ging bisher weder richtig runter noch richtig hoch, dafür aber nur mit schieben und gelegentlichem Tragen. Momentan ärgere ich mich, nicht doch den Schotterweg zurückgefahren zu sein. Mein rechtes Schienbein ist leicht lädiert. Jedes Mal, wenn das Rad beim Schieben gegen ein Hindernis rollt und stoppt, laufe ich gegen die Pedale.>Mal abgesehen vom fortschreitenden Leistungsmangel und einer gewissen Orientierungslosigkeit – ist das Tal eigentlich wunderschön. Hinter einem Felsbrocken sehe ich ein Murmeltier verschwinden. Neben dem Gatter, an dem ich stehe, führt ein sehr schmaler Pfad steil nach unten. Ich suche gar nicht erst nach einer Alternative, sondern trage das Rad gleich hinab.Ich kann nicht mehr, aber es sieht wieder besser aus. Ich bin noch eine ganze Weile, entlang eines Bergbaches, über die schönen Bergwiesen gestolpert. Irgendwann traf ich dann auf eine Art Weg und bin ihm gefolgt. Auch wenn er mit Geröll übersäht und gänzlich unbeschildert ist, jetzt geht es wieder vorwärts. Ich sitze endlich mal wieder länger als eine Minute im Sattel. (21,55 km) Wenn ich Glück habe, treffe ich auf die vorhin weit unten gesichtete Schotterstraße. Das Gröbste dürfte ich wohl hinter mir haben. Ich treffe wieder auf freies Gelände. An einem Baum hängt ein verwittertes Schild und zeigt in die Richtung, aus der ich komme. Lac et Chapelle - Haha, da komme ich ja gerade her. Wo soll da, bitteschön, der See gewesen sein? Na, egal! Der Downhill war gut, fahrbar, aber auch sehr anspruchsvoll. Der überwiegende Teil bestand aus einer ein Meter breiten Piste, die sich in vielen Kurven am Hang entlang schlängelte. An einigen wenigen Stellen mußte ich das Rad schultern, da kleinere Geröllawinen den Weg entsorgt hatten.Die Sonne geht hinter der westlichen Gipfelkette unter – höchste Zeit für mich. 20 Uhr war es genau, als ich am Zeltplatz eingetroffen bin. Der Asphaltdownhill war allererste Sahne. Aber der Reihe nach. Ein breiter Fahrweg mit vielen Querrinnen brachte mich vom Waldrand bis auf die schon erwähnte Schotterstraße. Sie führt in großem Bogen durch das Tal. Ich wählte die rechte Fahrtrichtung, um möglichst nahe bei Crots aus dem Tal zu kommen. Kurve für Kurve, zum Teil am Felshang entlang und mit ordentlich Tempo, verlor ich stetig an Höhenmetern. Durch die Kehren ließ es sich wunderbar driften. Zwischendurch mußte ich doch mal anhalten, um mir ein Steinchen aus dem Schuh zu holen, auf dem ich die ganze Zeit stand. Die andere Fahrtrichtung sah ich ein ganzes Stück unter mir, auf der anderen Talseite. In Le Fabres traf ich auf die ersten Häuser und ab da war auch die Straße wieder asphaltiert. Zu Anfang stellten sich mir zwei Hunde in den Weg, aber dann hatte ich freie Fahrt. Auf den langen Geraden konnte ich das Rad richtig rollen lassen, nur unterbrochen vom hineinbremsen in die Kehren. Mit Geschwindigkeiten bis zu 60 km/h, war ich schnell genug, um einen Peugeot 406 zu überholen. Es schien kein Ende zu nehmen und doch bin ich irgendwann in Crots eingetroffen. Statt auf die Straße nach Embrun abzubiegen, fuhr ich durch einen kleinen Tunnel unter ihr hindurch. Ich sah vorhin die Sonne glutrot im See untergehen. Es hätte ein schönes Foto werden können. Dazu ist es aber nicht gekommen. Bereits an dieser Stelle war der See mit einer Art Staudamm begrenzt. Eine Möglichkeit, ihn zu erklimmen, habe ich nicht gefunden. Zum Rumkraxeln hatte ich weder Lust noch Kraft. Nachdem ich aus der moorigen Senke wieder herausgefunden hatte, brauchte ich nur noch neben der Schnellstraße bis zum Zeltplatz zu fahren. (43,85 km, 10,26 km/h Ø, 4:16:25 h, 64,6 km/h max)

Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres  

So, das war nun die zweite große Tour - aus Versehen. Das kann so nicht weiter gehen. Ich weiß gar nicht, welche Tour anstrengender war. Die gestrige war eher etwas für den Schweinehund und zum Zähne zusammenbeißen. Dafür war heute der Pfadfinder in mir gefordert. Die schon zu Hause geplante Tunneltour verschiebe ich nun wirklich. Morgen brauche ich einen Ruhetag. Ich bin etwas in der Zwickmühle. Ursprünglich wollte ich am Sonntag weiterziehn und mein Zelt an einer anderen Stelle wieder aufstellen. Weglassen möchte ich den Tunnel auf keinen Fall. Ich könnte einen Tag länger bleiben, aber das würde meinen späteren Zeitplan durcheinanderbringen. Mmhh... Ich könnte die Tour auch etwas einkürzen, indem ich mit dem Auto einen Teil der Serpentinenstraße zurücklege. Das würde auch einen positiven Nebeneffekt haben. Steht das Auto auf halber Strecke, könnte ich nicht Versuchung geraten, am Tunnel angekommen, mich vor lauter Freude auf der anderen Seite ins Tal hinabzustürzen.
Ich glaube, so mache ich es, aber ich werde noch weiter darüber nachdenken. Ein genaueres Studium der Landkarte läßt mich sicher sein, daß es allein in dieser Gegend noch jede Menge schöne Touren gibt. Bis auf ein paar wenige Wolken ist es den ganzen Tag schön geblieben. Ein klarer Sternenhimmel ist der krönende Abschluß des Tages. 

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Es regnet schon, seit ich das erstemal die Ohren geöffnet habe. Zusätzlich rüttelt der Wind an meiner Plane. Ich weiß nicht so recht, was ich nun tun soll. Reise ich ab, oder bleibe ich doch noch. Gerade regnet es mal wieder nicht. An den Stellen, an denen der Wind die Plane umgeklappt hat, ist das Zelt etwas feucht. Über mir ist alles grau. Das Wetter vom Freitag ist dann doch die Ausnahme gewesen. Briancon und Montgenévre, wohin ich als nächstes will, werden kein anderes Wetter haben. Dazu sind sie nicht weit genug entfernt. Ich überlege und überlege und..... So – ich reise ab! Die Wolkendecke ist nicht allzu dicht, hellere Stellen leuchten durch. Das Zelt konnte ich im Trockenen abbauen. 10ºC.

Was wird aus meiner Tunnelroute? Ich fahre in Richtung Crévoux und dort werde ich weiter sehen. So richtig komme ich nicht vorwärts, ständig muß ich wegen einem Foto halten. Es ist zwar fast immer das gleiche Motiv, aber ich bilde mir ein, es wäre immer das Bessere. Für jemand anderes, wird es bei dem Wetter trotzdem grau und fad aussehen. Die Straße schraubt sich langsam in das Tal der Crévoux hinein. Am Anfang fährt man durch Wiesen und kleine Häusergruppen und hat einen schönen Blick ins Durance-Tal. Ich halte am Straßenrand. Das dicht bewaldete Tal hat sich in eindrucksvoller Art zugezogen und wird stellenweise zur engen und tiefen Schlucht. Die Straße windet sich, teils geröllüberzogen, am linken Hang entlang. Manchmal reicht der Platz nicht für zwei Fahrspuren aus. Auf der anderen Talseite ist eine, „Grotte du Drac“ genannte Auswaschung im Fels. An den Talwänden ziehen kleine Wolkenfetzen entlang. Die Luft ist feucht. >Eine Ansammlung Häuser hatte ich fälschlicherweise für Crévoux gehalten. Es war aber erst der Ort Praveyral. Jetzt stehe ich an einem Abzweig, an dem es links in 1,6 km nach La Chalp und rechts in einem Kilometer nach Crévoux geht. Bei beiden Richtungen ist auch der Col de Parpaillon ausgeschildert, einmal mit 13 und einmal mit 14 Kilometern. Hier bin ich richtig. Das Auto stelle ich auf einer Freifläche zwischen Kreuzung und Gebirgsbach ab. Bevor ich aber jetzt ans Radfahren denke, wird erst einmal gefrühstückt. Eben kamen zwei Mountainbiker herunter, dick eingepackt und mit vollem Gepäck. Einer hatte eine Bommelmütze auf. Dicke Nebelschwaden ziehen vorüber. Es sind nur noch 8ºC. Ein halbes Baguette, zwei Kekse, eine Banane und etwas Saft müßten fürs erste reichen. Meine derzeitige Höhe weiß ich nicht und kann sie daher nur schätzen. Bis zum Tunnel könnten etwa 700 – 800 Höhenmeter zusammenkommen. Die vierzehn Kilometer Fahrstrecke müßten eigentlich ganz gut zu schaffen sein.

So, jetzt gilt es – Rad komplettieren, Rucksack packen und umziehen. Letzteres erzeugt sofort eine Gänsehaut. Mit freiem Oberkörper in der feuchtkalten Luft ist das aber auch kein Wunder. Das Zwiebelsystem umfaßt heute drei Schichten. Die Tour beginnt. Schon nach 200m halte ich wieder an, denn durch das bergauf kurbeln ist es mir schnell zu warm geworden. Die Gore – Jacke packe ich in den Rucksack. Kaum sitze ich wieder auf dem Rad, schon halte ich erneut. La Chalp taucht vor mir auf und hat eine wunderschöne Wolkendecke über sich. Als hätte jemand den Ort liebevoll mit einer Bettdecke zugedeckt. Die Häuser aus Naturstein, mit ihren Blechdächern, wirken düster. Vielleicht liegt das aber auch nur am Wetter. Von einer physischen Erholung kann kaum die Rede sein. Ich spüre jeden Knochen. Ein Ruhetag reicht dann wohl doch nicht. Aber egal. Pont Real – fünf landschaftlich schöne Kilometer liegen hinter mir. Rein rechnerisch habe ich damit schon ein Drittel des Anstieges geschafft. Bis zu dieser Brücke hier, war die Straße asphaltiert und führte erst etwas in das Tal hinein und dann in Serpentinen, durch den Wald aufwärts. In La Chalp wäre auch ein größerer Parkplatz gewesen. Es machte den Eindruck, als würden dort auch Reisebusse halten. Das vermutlich einzigste Restaurant im Ort war geschlossen. Auf den Bergzügen gegenüber und auch in den Nebentälern kann ich Skiliftanlagen erkennen. Hier oben ist Skifahren schon etwas anderes, als auf dem Fichtelberg im Erzgebirge. Nach La Chalp führten ein paar Wege im Tal weiter, zu irgendwelchen Cascaden. Um mich herum ist ein herrliches Panorama, wenn ich es denn sehe. Manchmal werde ich auch von einer Wolke überholt, die ebenfalls vom Tal her aufsteigt, und dann sehe ich nichts als ein paar Meter links und rechts vom Weg. Wenn der Fotoapparat sich nicht schnell genug scharf stellt, ist das Motiv schon wieder hinter einem Nebelfetzen verschwunden. Mit ausgestrecktem Arm probiere ich ein Selbstportrait. Seit der Brücke fahre ich auf feinem Schotter. Der sollte eigentlich fest genug sein, aber an vielen Stellen saugt weicher, nasser Boden die Reifen fest und mir die Kraft aus dem Leib.

(Geht eigentlich nicht – ich habe ja keine Kraft mehr!) 7,08 km – Halbzeit. Man kann ahnen, an welcher Position die sich Sonne befindet. Es gibt ein paar dünne Wolkenabschnitte. Manchmal aber nieselt und sprüht es ganz fein. Vom Tunnel ist noch nichts zu sehen, obwohl ich schon bei Kilometer 12,14 bin und ich auch das obere Ende der Berge und Pässe sehen kann. Ich befinde mich momentan in einer kleinen Schutzhütte, mit schiefer Tür und einigen fehlenden Fenstern, durch die kalter Wind pfeift. Es regnet wieder etwas stärker. Ich warte auf ein Nachlassen. Vor cirka einem Kilometer kamen mir erneut zwei Mountainbiker entgegen. In kurzen Hosen! Das sah ich aber erst von nahem, da deren Beine gründlich verschlammt waren. Und was war noch zu sehen, bis hier her? Ein ganzes Stück weiter unten standen zwei Fahrzeuge, in denen drei Männer ihr Mittagsbrot aßen. Dann gab es ein kleines beheiztes Haus. Zu diesem fuhr ein Geländewagen, nachdem er mich vorher überholt hatte. Weiter oben stand in einer Talsenke eine Hütte, eine Enduro und ein Wohnwagen. Das war es dann auch schon. Es überwiegen Stille und Einsamkeit. Für mich zählte nur kurbeln, kurbeln und weiter kurbeln, alles im kleinsten Gang. Manchmal gelingt es mir, weit in die Landschaft zu schauen und an ganz andere Sachen zu denken. Auf diese Weise spüre ich gar nicht, wie die Zeit und die Strecke vergeht. Ab und zu mußte ich auch mal schieben, einfach um den Beinen mal eine andere Bewegung zu gönnen.

Ein Hirte, den ich vorhin noch auf dem Paß zu meiner Rechten gesehen habe, treibt seine Tiere jetzt auf mich zu. Das heißt, er läßt treiben. Die Arbeit übernehmen die Hunde.

Ein Peugeot mit drei Insassen kommt herauf gefahren, verharrt kurz und kehrt dann wieder um.

Die Kühe kommen mit Gebimmel und Gebammel weiter auf mich zu. Nur gut, daß ich in der Hütte stehe. Der Hirte sitzt jetzt in seinem Pick up und dirigiert seine sechs Hunde mit der Hupe. Ich habe mir die Gore Jacke wieder übergezogen und zusätzlich die Winterradhandschuhe angezogen. Der letzte Teil des Weges war richtig schlammig, das kann bei der Abfahrt ja was werden. Aber erst will ich den Tunnel sehen. Weiter geht’s!

Ich stehe im Eingangsportal des Tunnels. Der Kilometerzähler zeigt 14,84 km an.

( 6,96 km/h Ø, 2:07:51 h, 28 km/h max )

Bei Kilometer 13 kamen mir drei Endurofahrer entgegen. Da sie mich nicht irgendwo überholt hatten, nehme ich an, daß sie durch den Tunnel gefahren sind. Ab Kilometer 14 habe ich nur noch geschoben, die Beine wollten nicht mehr. Und erst 300m vor dem Tunnel habe ich den oberen Rand des Portals erkennen können. Der Eingang ist gut getarnt hinter einem Felsvorsprung angelegt worden. Ich kann das Licht am anderen Ende sehen, ein kleiner weißer Bogen. General Baron Berge ließ um die Jahrhundertwende dieses Loch in den Berg sprengen. Meine Bike-Zeitschrift schreibt weiterhin, daß der Tunnel in 2700 m Höhe gelegen ist und 500m lang ist. Und eine Lampe ist empfehlenswert. Habe ich. Wo? Zu Hause! Ein Schild am Eingang warnt vor Eis. Mit den schweren Eisentoren kann im Bedarfsfall der Tunnel verriegelt werden. Vom 1. Juli bis zum 30.September sind die Tore normalerweise offen. Je nach Witterung kann sich das aber ändern. Viele Aufkleber von verschiedenen Vereinen und Klubs pappen am Stahl, zum Beispiel der Mercedes Benz 4x4 Club. Ich mache ein paar Fotos und gebe dann meinem Drang nach. Ich kann es ja doch nicht lassen. Die ersten zwanzig, fünfundzwanzig Meter bin ich noch ganz locker lässig reingefahren, aber dann wurde es schlagartig dunkel. Ab da mußte ich mich schiebender Weise vorwärts tasten. Obwohl von beiden Seiten Licht hineinscheinen kann, ist dort drinnen stockfinstere Nacht. Mit dem Vorderrad erkundete ich fortlaufend den Untergrund. Geröll, Wasserpfützen, oder Eisplatten wechselten sich ab und machten die Durchquerung äußerst schwierig. Die Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, Wasseroberflächen konnte ich einigermaßen erahnen. Trotzdem trat ich des öfteren in eine Pfütze oder glitt auf einer Eisplatte weg. Man kann nur ganz dicht an der Wand entlang gehen. Etwa in der Mitte hängt ein Eiszapfen mit einer geschätzten Länge von ungefähr einem Meter fünfzig.

Jetzt bin ich wieder am Tageslicht, auf der anderen Seite des Tunnels. ( 15,37 km ) Nach meiner Rechnung komme ich auf 530m. Das Portal auf dieser Seite ähnelt dem der anderen Seite wie ein Zwilling dem anderen. In etwa vierzig Metern Entfernung, stehen die Reste eines Gebäudes. Ich nutze die Mauerreste als Stativ und lasse den Apparat selber auslösen. Der Weg auf dieser Seite schlängelt sich links am Hang hinab. Das wäre bestimmt eine gute Abfahrt. Das Wetter ist auf dieser Seite auch nicht besser. Es ist ebenso diesig und neblig, aber auch ebenso imposant. Wie gut, daß ich das Auto auf halber Strecke hab stehen lassen. So habe ich jetzt wirklich keine andere Wahl, als umzukehren. Ich bin zurück auf der heimischen Seite und bereite mich auf die Abfahrt vor. Eine Kleinigkeit will ich noch beichten. Es hatte mich interessiert, ob so ein langer Eiszapfen, in so einem schallenden Raum, klingen kann. Ohne groß drumherum zu reden – den Eiszapfen gibt es nicht mehr. Ich hatte ihn wirklich nur ganz leicht angeschlagen. Er ist aber sofort in sich zusammen und in tausend Splitter zerfallen. Es ist irgendwie nicht dasselbe Eis wie draußen. Es tut mir aufrichtig leid. Ich werde es aber nur als fehlgeschlagenes wissenschaftliches Experiment betrachten. Der Winter steht bald vor der Tür und dann werden sich neue Zapfen bilden.

Normalerweise bräuchte ich bis zum Auto nicht mehr treten.

( 29,39 km, 10,42 km/h Ø, 2:49:16 h, 58 km/h max ) 11ºC.

Ich bin wieder am Auto. Wow, das war stark. Das war kein Downhill, sondern Schlambada vom allerfeinsten. Schlammig zumindestens bis zur Pont Real. Ausschließlich rollen ging aber nicht. Oben war, je nach Richtung, so viel Gegenwind, das ich doch mittreten mußte. Aber dann! Das Rad konnte ich richtig schön laufen lassen, in den Kurven wunderbar driften. Ganz enge Kehren umzirkelte ich durch blockieren des Hinterrades. Zu schnell durfte ich aber nicht werden, dann schmierten die Räder auf dem feuchten Untergrund weg. Das Vorderrad hat mich von vorn eingesaut, das Hinterrad hat die andere Seite übernommen. Obwohl ich die Augen zu Sehschlitzen verkleinert hatte, kam doch immer wieder Dreck rein. Es kratzte in den Augen und knirschelte zwischen den Zähnen. Eine Radbrille ist eben auch bei diesem Wetter empfehlenswert.

Ein paar Kilometer vor La Chalp, nahm ich dann den Abzweig nach Crévoux. Verfahren konnte man sich eigentlich nicht. Der Unterschied von einem Kilometer entsteht nur im untersten Teil der Route. Crévoux ist nicht viel größer als La Chalp.

Nach ein paar Selbstportraits, schlüpfe ich aus den verschlammten Klamotten und wische mir den Dreck aus dem Gesicht. Mit der Hand wuschel ich den Sand grob aus den Haaren. Jetzt sehe ich erst mal, wieviel Gelände ich aufgesammelt habe. Etwas betuchtere Leute würden diese Turnschuhe gleich wegschmeißen. Ich lagere sie separat im Auto ein. Glücklicherweise habe ich daran gedacht, ein zweites Paar mitzunehmen. Wieder ist es kalt beim umziehen, diesmal ist es mir aber egal. Ich bin glücklich. Nachdem ich eine Klappbox geleert habe, packe ich den ganzen Stoß Klamotten da hinein. Und das Rad? Sonst hatten wir sie immer auf dem Dach stehen, da war es nicht so schlimm, wenn sie dreckig waren. So kann ich es aber auf jeden Fall nicht ins Auto stellen. Putzen? Nein, danke! Nicht jetzt. Faul kann man sein, nur zu helfen muß man sich wissen. Ich lege es kurzer Hand in den Bach und lasse es sauber spülen. Die Strömung ist stark, ich muß es gut festhalten. Dafür ist es jetzt sauberer, als zu Beginn des Urlaubes.

Ich werde mal ein Stück fahren, damit es im Auto schön warm wird. Zum Essen kann ich später anhalten.

Ankunft auf einem Anka und mir bekannten Zeltplatz , zwischen Briancon und Montgenévre. CAMPING DU BOIS DES ALBERTS’

Ich habe mir gar nicht die Mühe gemacht, nach anderen Plätzen Ausschau zu halten, dieser hier war mir noch ganz gut in Erinnerung. Mit der Pause zwischendurch ist es irgendwie nichts geworden. Dafür bin ich aber schön zeitig hier. Es war eine Fahrt durch landschaftlich tolle Gegend, bei gutem Wetter. Nachdem ich aus dem Tal der Crévoux wieder heraus kam, bin ich auf der D994, am linken Ufer der Durance, stromaufwärts nach Norden gefahren. Der Fluß begrenzt den Parc National des Ecrins auf seiner Westseite. 1994 sind Anka und ich über den Col de Vars vom Süden gekommen. Aber das ist schon lange her.

Jetzt sitze ich im Auto, unweit des Eingangs und tu mal ein bißchen gar nichts. Über Briancon hatte der Himmel ein paar blaue Stellen aufzuweisen, hier ist wieder alles grau und es regnet. Das ist ein Grund für mich, das Zelt noch nicht aufzubauen und lieber abzuwarten. Bezahlt habe ich gleich für zwei Nächte. Ich bin zwar nicht über den ganzen Platz gelaufen, aber Zelte konnte ich noch nicht entdecken. Es stehen aber einige Wohnwagen herum, obwohl auch bei denen ein großer Teil unbewohnt zu sein scheint.

Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres

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Ich stehe auf. Es muß wohl die ganze Nacht geregnet haben. Es plätscherte jedenfalls immer, wenn ich mal wach wurde. Jetzt tropft es nur noch von den Bäumen. Der Himmel ist nach wie vor grau. Mit vollem Optimismus bezeichne ich es aber als ein freundliches Grau. Nebelschwaden ziehen die Berge hinauf. Die Sonne versucht die Wolkendecke zu durchdringen. Da der Zeltplatz im Tal, an einem Fluß gelegen und mit hohen schattenspendenden Kiefern bewachsen ist, bleibt es lange kühl. Bis eben habe ich noch gelesen und gefrühstückt. Auf ein frisches Baguette habe ich heute mal verzichtet. Außer dem Rest von gestern, habe ich auch noch abgepacktes Graubrot aus der Heimat mit. Die Klamotten habe ich von der Leine genommen. Im Tageslicht sehe ich, daß die Sachen doch nicht ganz sauber geworden sind. Ich kann sie so aber trotzdem wieder anziehen. Und was fange ich heute an? Auf alle Fälle und zu allererst müssen die Karten zur Post. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine wäre, ich fahre mit dem Rad nach Montgenévre hoch und dort eventuell noch etwas weiter. Oder ich fahre nach Briancon und besichtige im Anschluß die Stadt. Da könnte ich auch gut mit dem Auto hinfahren. Ich habe die Petroleumlampe wieder angemacht, nicht des Lichtes wegen, sondern wegen der Wärme. Das Nutella muß ich wie Schokolade aus dem Glas schneiden. Gleich geht’s los. Ich habe mich für die erste Variante entschieden, obwohl ich genau weiß, daß ich das bald bereuen werde. Eine Route habe ich mir nicht zurechtgelegt, erst mal versuche ich, die Post zu erreichen. >Ein schöner Blick auf die Forts von Briancon. Ich habe bereits 5 km und ein gutes Stück der Serpentinenstraße hinter mir. Das funktionierte bis jetzt ganz gut, teils sogar im dritten Gang. Das Wetter ist gut zu mir, blaue Stellen zeigen sich am Himmel. Hoffentlich bleibt es weiterhin trocken. Ich gehe ein gewisses Risiko ein. Saue ich mir auch dieses Paar Schuhe ein, stehe ich barfuß da. Vor sieben Jahren bin ich zusammen mit Anka genau diese Tour gefahren. Allerdings mußten wir sie damals wegen schlechtem Wetter vorzeitig abbrechen. Ich weiß noch, daß sie am Schwimmbad beginnt. Anka hatte sich gewünscht, zu erfahren wie die Runde nun wirklich ist. Demzufolge fahre ich jetzt nur für Anka weiter. Gut, mich interessiert es natürlich auch. ( 9,45 km, 9,12 km/h Ø, 1:02:08 h, 23,3 km/h max ) Ich bin oben, wo auch immer. ( 16,37 km ) Es müßte der 2300 m hohe Col de Gondran sein. Die Beschilderung ist sehr lückenhaft. Ich hatte eine Weile gebraucht, bis ich den richtigen Touranfang gefunden hatte. Der Weg kam mir am Anfang gar nicht bekannt vor, obwohl es kaum Alternativen geben dürfte. Ich kann leider nicht behaupten, sehr viel gefahren zu sein. Auch hier ist der, an sich nicht so steile, Weg sehr aufgeweicht. Dazu kommt, daß ich für so eine Runde keine Kraftreserven mehr habe. Woher soll es auch kommen?! Das ganze Jahr kaum gefahren, aber dann in die Alpen. Zwei Männer kamen vorhin mit einem Pick up vorbei. Ich hatte ein kleines bißchen gehofft, sie würden mich mit nach oben nehmen, bin aber froh, daß sie keine derartigen Anstalten gemacht haben. Dann wäre die Bikerehre völlig im Eimer gewesen. Von hier kann ich weit in das nächste Tal sehen. Die Wolken haben es ebenso ausgefüllt, wie sie auch Montgenévre zugedeckt haben. In meiner näheren Umgebung müßte sich die Quelle der Durance befinden. Das Fort Janus habe ich gelegentlich auf dem gleichnamigen Berg gesehen. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir es damals sehen konnten. Wohl eher nicht. Ich wollte gerade ein Selbstauslöserfoto machen, habe den Apparat aber wohl nicht richtig bedient. Gerade als ich losrennen wollte, klickte es auch schon. Na, dann ist das Rad eben alleine drauf. Das Militärgebäude, in dem wir damals Unterschlupf gefunden hatten, habe ich noch nicht entdecken können. Es muß aber ganz in der Nähe sein. Davon möchte ich auf alle Fälle ein Bild machen. Skiliftanlagen spannen sich über den ganzen Bergrücken. Der Tacho zeigt 18,10 km an. Das ist noch nicht viel mehr. Diesmal brauchte ich aber nicht schieben. Vom Paß aus habe ich mich rechts gehalten, bin um einen Hügel herum und wieder auf meine Seite gefahren. Dachte ich jedenfalls. Um mich genauer zu orientieren mußte ich mich eine Weile gedulden, die Wolken verdeckten alles. Das einzigste, was ich erkennen kann, ist ein festes Gebäude, mit vielen Antennen auf dem Dach, in etwa dreißig, vierzig Metern Entfernung. Zwei Murmeltiere sah ich vorhin verschwinden. Der Boden ist mit deren Löchern übersäht. Die Sesselliftstation, die ich vorhin gesehen habe, ist spurlos verschwunden. In meiner Orientierung muß sich ein kleiner Denkfehler eingeschlichen haben. Falschmachen kann ich nicht viel, hier führt erst mal nur ein Weg weiter. Die Michelin-Karte hilft mir ein wenig weiter. Ein Fahrweg ist zum Fort Janus eingezeichnet, die schwarze Linie vom Col de Gondran kreuzt diese etwas weiter unten und führt danach zum Fort de I’Infernet. Nur wo ist das Militärgebäude gewesen? Damals hatten uns die erleuchteten Fenster angelockt. Nach sieben Jahren kann ich es aber auch nicht ausschließen, daß es die Einheit hier nicht mehr gibt. Was man überall sieht, sind Bunkereingänge. Ich fahre weiter. Mir fällt nebenbei ein: die Post hat auf. Nie wieder Filme von Fuji Color! Da ich nicht zusätzlich noch auf das Fort Janus wollte, bin ich geradeaus weitergefahren. Wegen der schönen Motive habe ich gehalten und ein Foto gemacht. Danach war der Film zu Ende. Den bereits erwähnten Film hat der Apparat nicht angenommen. Das Problem hatte ich zu Hause schon einmal, damals legte ich einfach einen anderen Film ein. Jetzt stand mir aber nur noch dieser eine zur Verfügung. Nach vielleicht zwanzig Versuchen und Bearbeiten des Filmanfangs mit der Kombizange, klappte es dann doch noch. Den Rest des Tages ohne Fotoapparat – das wäre eine Katastrophe für mich. Ich schaue noch mal in die Karte. Um deren Angaben mit der Landschaft um mich herum zu vergleichen, muß ich mir immer die Stellen merken, die von den Wolken nicht verdeckt werden. Nach ein paar Minuten sehe ich dann wieder andere Teile meiner Umgebung und füge sie in meinem Kopf wie ein Puzzle aneinander. Kein Wunder, daß es dabei mit der Orientierung etwas hapert. Wer sich noch nie inmitten von Wolken befunden hat, kann das nicht nachvollziehen. Mir gegenüber befinden sich nur eingefallene Gebäude. Die Nebelschwaden sorgen für eine unangenehme Abkühlung, zumal ich nur am Wegesrand herumsitze. Ich ziehe mir die Wetterjacke über. Ein tarnfarbener Geländewagen quält sich scheppernd den Serpentinenweg hoch. Zwei Leute sitzen drin und auf dem Anhänger liegen irgendwelche Bleche. Jetzt bin ich aber gespannt, wohin der fährt. Das ist (m)eine Spur! Die sich soeben wieder verloren hat. Der Allradler ist aus einer Wolke nicht mehr herausgekommen. Die Mischung aus Motorengeräusch und blechernem Scheppern war erst nur noch gedämpft zu hören, danach gar nicht mehr. Wo ist er nur hin. Bis zur Kreuzung ist er nicht gefahren, soviel ist sicher. Einen anderen Abzweig gab es doch vorhin nicht. Oder? Ob ich ein Stück zurückfahre? Ich würde mich ewig ärgern, wenn ich es nicht täte.

Ich hab’s gefunden! Ich hab’s gefunden! Ich hab es gef.....( 20,89 km ) Ich erkenne das Gebäude sofort wieder, obwohl es noch ein ganzes Stück entfernt ist. Der Geländewagen steht auch dort. Wenige Meter vor mir sind auch die Flachbauten, bei denen wir damals zuerst unterkommen wollten. Ob es Anka ein Trost ist zu erfahren, daß der Aufstieg zum Fort Janus direkt hinter der Funkstation beginnt? Ohne das Gewitter hätten wir es bestimmt geschafft. Die nassen Klamotten haben uns aber vernünftiger Weise umkehren lassen. Von Funktionsbekleidung, wie wir sie heute tragen, konnte damals keine Rede sein. Ach, wenn Anka das sehen könnte. Ich würde meine Aussicht gerne mit ihr teilen. Ich beobachte die Station durch das Teleobjektiv. Drei Endurofahrer knattern grüßend an mir vorbei. Ein freundliches ‚Bonjour’ und weg sind sie, zum Janus hinauf. Mmhh..., eine lecker Yamaha Super Ténéré ist dabei. Mein Blick verfolgt sie (und den Weg bis hoch). Ein Jubelschrei ertönt von einem der Drei. Ich fahre weiter. ( 24,30 km ) Der Abzweig zum Fort de I’Infernet läßt meine Beine schon beim Anblick schwer werden – steil und geröllig. Ich gehe daher gleich ins schieben über. Die Anfahrt bis hierher war schön schwungvoll. Der Weg führt ohne große Steigungen am Hang entlang. Zu meiner Linken hatte ich einen guten Blick in das Cerveyrette-Tal und auf die gegenüberliegenden Berge. Bis zu 2800 m Höhe haben einige von ihnen. Unterwegs standen einige verlassene Häuser an einem Bergsattel. Ich stehe inmitten des Fort de I’Infernet. Es ist an einigen Stellen schon ein wenig zerfallen. Zutritt bekommt man nur über einen Steg mit laveden Holzbohlen. Die Endurofahrer höre ich hinter mir. Als sie ebenfalls in das Innere des Forts fuhren, zeigte ich grinsend mit dem Zeigefinger auf die nicht vorhandene Armbanduhr und schüttelte den Kopf. Damit entlockte ich ihnen aber auch nur ein Grinsen. Ich lehne mein Rad an die Balken einer ehemaligen Liftanlage und beginne die Besichtigung zu Fuß, gleich an dieser Stelle. Funktionsfähig ist der Lift natürlich nicht mehr, aber man kann seinen technischen Aufbau durchaus noch erkennen. Als Antrieb diente eine Spindel mit zwei Stangen. Ich gehe mal davon aus, daß man Tiere statt Menschen davor gespannt hat. Tragseile sind nicht mehr vorhanden, aber eine Spannvorrichtung und eine Bandbremse. Die drei großen Gußräder lassen sich zum Teil noch drehen, sind aber auch schon ausgebrochen. Die ganze Anlage ist so ausgerichtet, daß die Talstation im näheren Umfeld von Briancon zu suchen sein muß. Ich kann momentan leider nichts sehen, Wolken füllen beide Täler vollständig aus. Im Inneren des Forts sind einige größere Gebäude noch gut erhalten. An verschiedenen Stellen führen Treppen in dunkle Keller hinab. Durch Wälle und befestigte Gräben war das Fort umfangreich und sicherlich ausreichend gesichert. Vom höchsten Punkt aus, hat man einen super Rundumblick auf die ganze Bergwelt. Von den drei Motorradfahrern, die sich ebenfalls hier oben aufhalten, fragte mich einer in englisch, ob ich alles gefahren sei, oder geschoben habe. Mit meinen bescheidenen Englischkenntnissen antwortete ich wahrheitsgemäß: fifty - fifty. Danach brechen sie auf und ich höre die Maschinen den Berg hinunter knattern. Es tut mir leid, das feststellen zu müssen, aber Anka hat damals die komplette Schinderei des Aufstiegs gemeistert und dann aber das Schönste der Tour verpaßt. Theoretisch müßte man von hier den Zeltplatz sehen können. Der Blick wird aber nicht frei, obwohl die Nebelschwaden in Bewegung sind. Auch Briancon sehe ich nicht mehr. Bei Ankunft im Fort konnte ich etwa die Hälfte der Stadt sehen und wollte mit dem fotografieren auf die hundert Prozent warten. Tja, das hab ich nun davon. Ich werde mich nun auch auf die Socken machen. Langsam wabbern die Wolken bis ins Fort hinein. Neben dem Lift habe ich vorhin eine ‚Scheißnase’ gesehen und fotografiert. Als kleiner Junge habe ich diese einfache Klo-konstruktion, unter diesem Namen, auf der Burg Stolpen in Sachsen kennengelernt. Das war damals ein prägendes Ereignis für mich gewesen. Ich glaube, wenn es heute super klar gewesen wäre, wäre ich von hier nicht so schnell wieder weggekommen.

Nur fünf Minuten habe ich bis zum Abzweig gebraucht. Jetzt bin ich unter der Wolkendecke durch und habe wieder einen freien Blick auf Briancon. Der Weg ist sehr schmal und überwiegend voller Geröll. Ich muß aufpassen, nicht zu schnell zu werden, da einige Abschnitte unfahrbar sind.

Ich bin durchgeschüttelt, bis zum kleinsten Knochen. Für diese Strecke reicht der Federweg meiner Gabel bei weitem nicht aus. 32 km habe ich hinter mir. Ist es mit den Motorrädern leichter oder schwerer, hier herunter zu fahren? Die Frage ging mir gerade durch den Kopf. Ich würde mich für schwieriger entscheiden. Um das zu klären, hätte ich zusammen mit den Endurofahrern starten müssen.

Jetzt bin ich am überlegen, ob es Sinn macht, nach rechts abzubiegen und direkt nach Montgenévre zu fahren. Einen Abzweig gibt es zwar, doch dieser ist unbeschriftet. Ich gehe das Risiko, aus Versehen eine Zufahrt zum Janus zu erwischen, nicht ein. Außerdem habe ich gerade viele gelbe Postautos in Briancon entdeckt. Die Post würde zwar heute nicht mehr weggehen, wäre aber morgen in aller Frühe schon unterwegs. Eine knappe halbe Stunde bleibt mir. Los geht’s, das ist zu schaffen. Ich habe versucht mir die Lage der Post einzuprägen.

Verkalkuliert! Tja, liebe Verwandtschaft – Schuß in’n Ofen. Die von mir gesichtete Post habe ich verfehlt. In den letzten Serpentinenkurven habe ich das Rad richtig laufen lassen. Die Forts von Briancon habe ich nur grob wahrgenommen. Manche Stellen kamen mir aber bekannt vor. Einen Anstieg hatte ich noch zu bewältigen, von der Brücke über die Durance bis hoch in die Altstadt. Dann hatte ich irgendwie den Faden verloren. Ich habe mir dann einen jungen Kerl aus einer Gruppe Schüler herausgepickt und nach dem Weg gefragt. Daraufhin bin ich bei einer Postfiliale in der Stadtmitte gelandet. Jetzt sitze ich am Kreisverkehr auf einer Bank und hole erst mal tief Luft. Ich hatte mit einer Schließzeit von achtzehn Uhr gerechnet, leider wird hier schon eine halbe Stunde eher geschlossen. Die Post, die ich von oben gesehen hatte, muß an einer anderen Stelle sein. Hier steht nicht ein gelbes Auto. So, nun muß ich nur mal eben nach Les Alberts fahren. Morgen werde ich mich hier aber noch mal blicken lassen.

Auf geht’s, zum letzten Gefecht!

Ich bin wieder am Zeltplatz – zufrieden und kaputt. Die Beine zittern, Hände, Rücken und Arsch tun weh. Bevor ich mehr Gedanken verfasse, muß ich was essen.

10ºC. ( 47,67 km, 10,93 km/h Ø, 4:21:40 h, 48,9 km/h max )

Die Straßenetappe ist nicht so schlimm gewesen, wie ich es befürchtet hatte. Von der Stadtmitte beginnt es aber recht steil. Zuerst bin ich den Schildern nach Turin gefolgt, habe dann aber etwas abgekürzt, da die Hauptstraße einen größeren Bogen macht. Für einen Moment war ich unsicher, aber ein Stadtplan bestätigte meine Richtungswahl. Die N94 ist gut ausgebaut und hat einen schön breiten Seitenstreifen. Ganz kurz zeigten sich die Gemäuer von Janus und I’Infernet. Ab dem Abzweig nach Les Alberts konnte ich die Hände vom Lenker nehmen und bis vors Zelt rollen. Das Wetter hat gut mitgespielt. Es hätte ein wenig klarer sein können, aber ich bin schon froh, wenn es nicht regnet. Die Funktionsklamotten waren eine echte Hilfe und die Turnschuhe sind auch sauber geblieben. Ich kann vom Zelt aus die Serpentinenstraße nach Montgenévre sehen. Würde mir jetzt jemand die Frage stellen, wäre meine Antwort: „Nie wieder!“. Aber fragt mich ruhig in ein paar Monaten noch mal.

 Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres Chapelle des Seyeres

Kartenempfehlung:
MICHELIN - Provence Côte d'Azur - Nr. 245 / Rhône-Alpes - Nr. 244 (ca. 8 €)

Empfohlener Reiseführer: Südfrankreich - Band 06 - Verlag Martin Velbinger

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